HV 1200

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Heidefest in Bertlings Haar

Bericht in der WN vom 15.10.2019

Entkusseln ist eine Knochenarbeit

Saerbeck - Wenn der historische Kiepenkerl mit rotem Halstuch und Kornflasche in der Hand mitten in der Bauerschaft durchs Gelände läuft, muss das einen Grund haben. Der Mann im Kostüm der früheren fliegenden Händler versorgte am Samstag im Landschaftsschutzgebiet Bertlings Haar rund 40 Mitglieder des Heimatvereins und der Landjugend mit einem Schluck zur Stärkung. Von Alfred Riese.

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Hand in Hand arbeiteten der Heimatverein und die Landjugend bei der Pflegeaktion im Heidegebiet Bertlings Haar. Foto: Alfred Riese 

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Sie entkusselten anderthalb Stunden lang die rund vier Hektar, die das letzte größere Heidegebiet Saerbecks darstellen – Heidefest nannten sie es.

Das kleine Fest kam nachher, davor stand die Arbeit auf dem Plan. Einen Hänger voll kleiner Eichen, Birken, Kiefern und Brombeergestrüpp holten die Ehrenamtler aus der Fläche. „Wenn wir nichts täten, stünden hier bald wieder Bäume und die Heide wäre weg“, erklärte Peter Schwartze von der Biologischen Station Kreis Steinfurt die Aktion.

Als „Pflegebiotop“ beschrieb Peter Schwartze die Heide in Bertlings Haar. Entstanden ist sie in früheren Jahrhunderten durch Abplaggen, sozusagen der Ernten der Heidepflanzen zusammen mit der obersten Humusschicht als Strohersatz und Brennmaterial, und als Weide für Schafe und auch Bienen. Vor 200 Jahren boten im Wesentlichen 4000 Hektar Heide, zwei Drittel der Gemeindefläche von Saerbeck, die Lebensgrundlage 500 bis 1000 Einwohner, erläuterte Georg Berkemeier, Heimatvereinsmitglied und hauptberuflich Förster. Richtig ergiebig war das ohne Kunstdünger nicht, was den Begriff des „bettelarmen Heidebauern“ prägte.
Heidefest im Landschaftsschutzgebiet Bertlings Haar.

Wie seinerzeit erledigten die Leute von Landjugend und Heimatverein das so genannte Entkusseln per Hand. Kusseln nennt man die jungen Gehölze, die aus dem Boden geholt werden, bevor sie der Heide durch Schattenwurf schaden können. Zum Einsatz kamen Stecheisen, Spaten, als Hightech-Gerät ein orangener Extraktigator mit Greifklemme und Hebel-Rundblech und schiere Muskelkraft. Zuvor hatte schon der Bauhof einen Teil der Fläche mit Maschinen bearbeitet.

Während der Arbeiten entdeckte Peter Schwartze zwischen der Besenheide einige Pflanzen, die ihm einen Eintrag in das Landeskataster der floristischen Kartierung NRW Wert sind. Die im Boden festgekrallte Sparrige Binse zum Beispiel sei „etwas ganz Besonderes“ wie auch der Englische Ginster mit seinen Dornen. „So großflächig vertreten, ich bin begeistert“, bewertete Schwartze seine Funde, „hier ist das Samenpotenzial vergangener Jahrhunderte vorhanden – das hat die Qualität eines Naturschutzgebiets“.

Diese und etliche andere, typische Pflanzen- und Tierarten der Heide sind der Grund für die Knochenarbeit des Entkusselns oder den „Kampf gegen die natürliche Entwicklung zum Wald“, wie Schwartze sagte. Der Biologischen Station geht es beim Schutz der menschengemachten Heidelandschaft um Erhalt und Förderung „der Artenvielfalt und damit auch der genetischen Vielfalt, die den Menschen auf Dauer das Leben sichert“. Zum Beispiel durch die so genannte Ökosystem-Dienstleistung des Bestäubens durch Heide-Insekten.

Dem Heimatverein, der Landjugend und der gesamten Bürgerschaft in Saerbeck bescheinigte Peter Schwartze großes Engagement bei der Heimatpflege im Wortsinn, und das in der Heide nicht zum ersten Mal.

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