Gegen das Vergessen – für Versöhnung und Frieden

Eigener Bericht
Autor Harald Schütz

„Gegen das Vergessen – für den Frieden“, so würdigte Albert Stakenkötter das vom Heimatverein verfasste Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit“, mit dem an das Ende des 2.Weltkrieges in Saerbeck vor 80 Jahren erinnert wird. Durch die detaillierte Aufarbeitung des persönlichen Schicksals zweier Jugendlicher Flakhelfer zeichnet der Autor Josef Berkemeier ein beeindruckendes Bild der Kriegsereignisse in Saerbeck, das jedem Leser unter die Haut geht.

Ostermontag des 1. Aprils 1945 war es, als englische Truppen in Saerbeck einmarschierten und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein Ende bereiteten. Und so hatte der Heimatverein genau 80 Jahre später eingeladen, diesem Ereignis und den Schicksalen der Menschen in dieser Zeit zu gedenken. Offensichtlich hatte man damit einen Nerv getroffen, denn das Pfarrheim platzte förmlich aus allen Nähten. Über 120 Teilnehmer waren zusammengekommen, um gemeinsam  an das Leid  und die persönlichen Schicksale vieler Menschen zu erinnern und sich für Versöhnung und Frieden auszusprechen.

Der Heimatverein spannte dazu einen weiten Bogen von den historischen Entwicklungen der Machtübernahme und Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten über die Dokumentation der persönlichen Schicksale des jugendlichen Flakhelfers Josef  „Jupp“ Chovanec und seines Freundes Alfred „Fredl“ Frömel bis hin zur beeindruckenden Präsentation historischer Fundstücke aus der damaligen Flakstellung Richter, die erst jüngst bei landwirtschaftlichen Arbeiten gefunden wurden und die das Grauen der damaligen Zeit sprichwörtlich anfassbar machten.

vollbesetztes Pfarrheim 
Foto Heimatverein Saerbeck

vollbesetztes Pfarrheim
Foto Heimatverein Saerbeck

Josef Berkemeier erläuterte anschaulich die politischen Veränderungen in Saerbeck ab 1933. Bei den Wahlen 1933 noch Splitterpartei, übernahmen die Nationalsozialisten schon wenige Monate später handstreichartig die Macht  in der Gemeinde. Es folgte wie in ganz Deutschland die Gleichschaltung und schließlich der Beginn des 2.Weltkrieges mit all seinem Gräuel und Leid. Auch Saerbeck blieb davon nicht verschont. Über den Dortmund-Ems-Kanal wurden wichtige Rüstungsgüter transportiert und so war er denn auch ein bevorzugtes Ziel alliierter Bomberangriffe. Mehrfach wurde der Kanal gesprengt und wieder repariert. Mit eindrucksvollen historischen Fotos wurde das Ausmaß der Zerstörungen verdeutlicht, die auch vielen Saerbecker Familien schwere Opfer zufügten.

 

Zum Schutze des Kanals und seiner Umgebung und zur Frühwarnung wurden u.a. die Flakstellung Richter in der Nähe der heutigen Umgehungsstraße und der Luftlagesender Rheinsalm auf dem Gelände der späteren Tonmöbelfabrik Liesenkötter errichtet. Und damit begann auch die persönliche Verflechtung der beiden  damals 16-jährigen Schüler „Jupp“ Chovanec  und „Fredl“ Frömel mit dem Kriegsgeschehen in Saerbeck. Beide wurden kurz vor Kriegsende am 1.März 1945 als Flakhelfer nach Saerbeck abkommandiert. In 10-jähriger Recherchearbeit ist Josef Berkemeier dem Schicksal der beiden Jungen gefolgt. Inspiriert durch Gespräche im  Heimatverein, insbesondere mit dem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen Alfred Maimann stiess er in alten Unterlagen auf zahlreiche Erinnerungsnotizen, auf Kontaktdaten von Zeitzeugen und schließlich auch auf eine tschechische Telefonnummer. Spontan angewählt, stellte sich heraus, dass der Anschluss tatsächlich noch existierte und zum damaligen Flakhelfer Josef Chovanec gehörte, der den Krieg überlebt hatte und – mittlerweile 88-jährig – in Tschechien wohnte. Der daraus entstandene Kontakt und seine persönlichen Erlebnisse und Erzählungen waren wichtige Impulse für des Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit“. 2016 fand Josef Chovanec sogar noch einmal den Weg zurück nach Saerbeck, wo er mit bewegten und zum Teil auch schmerzlichen Erinnerungen der Ereignisse von damals gedachte. Dazu zählte auch die Erkenntnis, dass sein Freund „Fredl“ Frömel, den er in den letzten Kriegstagen aus den Augen verloren hatte, den Krieg nicht überlebt hatte und im letzten sinnlosen Kampf um die Flakstellung den Tod fand.

 

Albert Stakenkötter rezensierte im Anschluss das Buch, das maßgeblich auf den persönlichen Aufzeichnungen mehrerer Zeitzeugen, ganz besonders aber auf den Erinnerungen von Josef Chovanec beruht. Viele spontane Ergänzungen und Beiträge aus dem Publikum machten deutlich, dass auch heute noch Zeitzeugen zu finden sind, die mit persönlichem oder überliefertem Wissen die Erinnerung an die die damaligen Geschehnisse wachhalten.  Unter anderem an Josef Willebrandt senior, der am Ostermontag 1945 den Mut aufbrachte, den Allierten auf der Emsdettener Strasse mit einer weissen Fahne entgegenzugehen und in Höhe des Friedhofes die Kapitulation des Ortes zu erklären. Ohne Blutvergiessen und ohne Zerstörungen ging damit der Krieg in Saerbeck zu Ende. Nur um die Flakstellung wurde noch gekämpft. Ein sinnloser Kampf, der noch einmal Tote und Verletzte forderte. Alles detailliert im Buch nachzulesen.

 

Die zum Teil sehr persönlichen Sichtweisen und Erlebnisse  und die vielen lokalen, auch heute noch nachvollziehbaren Bezüge  vermitteln  dem Leser einen sehr emotionalen Eindruck der damaligen Geschehnisse, der unter die Haut geht. Eine Lektüre, die auch gerade der jüngeren Generation zu empfehlen ist. Erhältlich ist das Buch bei „buch und mehr“ in Saerbeck und jeweils sonntags im Heimathaus.

Gefundene Exponate der alten Flakstellung Richter 
Foto Heimatverein Saerbeck

Gefundene Exponate der alten Flakstellung Richter
Foto: Heimatverein Saerbeck

Beeindruckend dann auch der finale Beitrag von Michael Hillmann, der eine Auswahl jüngst entdeckter Funde der Flakstellung Richter mitgebracht hatte. Reste von Gasmasken und Lederstiefeln, deutsche und russische Stahlhelme mit Einschusslöchern und andere Fundstücke machten das Geschehen und das Grauen von damals im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Diese und weitere Fundstücke wie die Originallafette eines der damaligen Flakgeschütze und alte Granaten hatte er  im vergangenen Jahr zufällig bei landwirtschaftlichen Arbeiten entdeckt und sichergestellt. Überraschenderweise wurde die Überreste der Flakstellung nicht genau dort gefunden, wo sie nach vorhanden Unterlagen vermutet wurden. Damit ist jetzt auch die tatsächliche Standortfrage der Stellung geklärt und damit auch der Ort, an dem die letzten Soldaten eines sinnlosen Kampfes geopfert wurden, unter ihnen auch  „Fredl“ Frömel.

Der Heimatverein wird sich auch weiterhin darum bemühen, die Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu bewahren, zu dokumentieren  und an die jüngeren Generationen weiterzugeben.

Heimatverein Saerbeck
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