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Polterabend bei den alten Germanen

Polterabend bei den alten Germanen

Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit – das geht nur in Köln, wo unter dem Rathaus 2000 Jahre alte Abwasserkanäle der Römer  und andere Bodendenkmäler zu besichtigen sind. In Saerbeck aber haben sich die Römer nie blicken lassen. Dafür jedoch die Steinzeitmenschen. Bereits vor über 12.000 Jahren hielten sich in dieser Region nachweislich steinzeitliche Jäger und Sammler auf. Sie hinterließen zahlreiche Spuren in Form von Steinwerkzeugen und Pfeilspitzen, wie jetzt Dr. Bernhard Stapel vom Amt für Bodendenkmalpflege wiederum bestätigen konnte.

 

      

 

Dr. Bernhard Stapel und Herbert Neise im Amt für Bodendenkmalpflege, Münster: Sensationelle Funde aus Saerbeck

 

Foto Fred Wieneke

Schon 1984 waren nämlich in der Nähe der Sinninger Mühle  bei einer Feldbegradigungs-Maßnahme an der nördlichen  Hochterrasse der Ems große Mengen Feuersteinwerkzeuge (Silexartefakte) zum Vorschein gekommen. Die Werkzeuge der so genannten Ahrensburger Kultur werden in der archäologischen Ausstellung des Heimatvereins in der Alten Dorfschule gezeigt. Sie sind der Altsteinzeit zuzurechnen und ca. 12.000 Jahre alt.

Fred Wieneke, Kulturreferent der Gemeinde  Saerbeck und Herbert Neise vom Heimatverein besuchten die Archäologen in Münster, um zahlreiche Fundstücke aus der Sandgrube am Südhoek  für die vor- und frühgeschichtliche Ausstellung  des Heimatmuseums in Empfang zu nehmen. Herbert Neise ist ehrenamtlicher Mitarbeiter des Westfälischen Museums für Archäologie und Beauftragter in Saerbeck für die Bodendenkmalpflege. In dieser Eigenschaft hat er die Erdbewegungen am Südhoek, also an der alten Grevener Straße, von Anfang beobachtet und dort einige Notbergungen vorgenommen. Diese Funde wurden seitens des Museums für Archäologie wissenschaftlich ausgewertet, registriert und nun an Neise zurückgegeben.

 

   

In der Restaurations-Werkstatt des Westfälischen Museums für Archäologie, Münster: Herbert Neise und Dr. Gaffrey begutachten die Funde vom Südhoek

 

Foto Fred Wieneke

Eine Stelle am östlichen Rand der Sandgrube hatte es besonders in sich: 278 Feuersteinartefakte  konnte der Hobbyarchäologe dort bergen, darunter große Steinklingen, Bohrer, Stichel, Schaber, Kratzer und Hobel.  „Hier haben wir eine sehr ungewöhnliche Kombination von Steinwerkzeugen.  Es finden sich am Südhoek  Materialien aus der Phase des Übergangs von der Spät-Altsteinzeit zur Früh-Altsteinzeit ebenso wie Werkzeuge, die eher für die Jungsteinzeit typisch sind“, wundert sich Dr. Stapel.  „Das ist selten – ein Fundplatz mit Inventar aus einer so großen Zeitspanne!“ Er will über diese Steingeräte  aus Saerbeck eine wissenschaftliche Publikation schreiben. „Wir sprechen hier von einer zeitlichen Spannbreite von ca. 10.000 bis etwa 3000 vor Christus.“

Offensichtlich fand der germanische Stamm der Brukterer  diesen Platz auf der Hochterrasse der Ems ebenso interessant wie die alten Jäger und Sammler, wie Dr. Jürgen Gaffrey nach Begutachtung der Südhoek-Funde meint:  „Mitten in der Streulage der Steinartefakte befand sich in der Zeit von etwa 500 vor Christus bis zum Jahre Null eine Grube, gefüllt mit Tonscherben. Außerdem  haben  wir in der Nähe Hausgrundrisse nachgewiesen und etliche Gruben-Arbeitshäuser gefunden. Aber Ihre Entdeckung war etwas ganz Besonderes“,  wendet er sich an Herbert Neise. Hiermit meinte er die Notbergung einer enormen Menge Keramik aus einer Bodenvertiefung , die mitten im altsteinzeitlichen Fundort lag . „Die über 40 kg Keramikstücke sind dort wahrscheinlich in einer rituellen Handlung deponiert worden, etwa beim Verlassen einer Hofstelle. Wenn das umliegende Land ausgelaugt war, hat man in einiger Entfernung neue Äcker angelegt und zweckmäßiger Weise gleich die Wohngebäude und Vorratshäuser auch dort  neu gebaut. Quasi  als Opfer an die Götter mag es an der verlassenen Siedlungsstelle dann ein Fest gegeben haben, wobei  das zurückgelassene Tongeschirr zertrümmert wurde und in einer  Grube hinterlegt wurde.“

Fund3

 

 

So präsentierte sich die Keramikgrube vor Ort. Die Funde mussten erst eingegipst werden, ehe man sie bergen konnte.

 

Foto Fred Wieneke

Also eine Art Polterabend bei den alten Germanen? Diese These von der rituellen Gefäßdeponierung als Opfergabe bei der Aufgabe einer Siedlungsstelle vertritt nicht nur Dr. Gaffrey. Auch niederländische  Archäologen teilen seine Ansicht, hat man dort doch ähnliche Befunde festgestellt. „Aber das Besondere in Saerbeck  ist der Umstand, dass diese Keramikgrube zufällig mitten auf einem  Aufenthaltsplatz der Altsteinzeitmenschen gegraben wurde, so dass sich vorchristliche Keramik und steinzeitliche Geräte miteinander vermischten. Wie es der Zufall manchmal so will“, wundert sich Dr. Gaffrey.

Im Oktober will der Heimatverein Saerbeck einen Themenabend anbieten. Dr. Georg Berkemeier und Herbert Neise (beide im Vorstands-Arbeitskreis) werden einen Vortrag über neueste  archäologische Funde und Erkenntnisse halten.  „Die jüngsten Funde vom Südhoek werden dabei eine zentrale Rolle spielen“, verspricht Herbert Neise. Und Georg Berkemeier ist bekanntlich ein Garant für kurzweilige und  informative Abende.

Wer übrigens Interesse an der Archäologie und am Heimatverein hat, sollte sich bei Herbert Neise (herbert@neise.de) melden. Gerne nimmt der pensionierte Geschichtslehrer Hobbyforscher mit auf seine Ausflüge in Sandgruben oder bei Feldbegehungen. Auf frisch gepflügten Äckern sind nämlich schon häufig überraschende Lesefunde gemacht worden, besonders nach Regen…

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